Chiemgauer 100 2016

28.07.2012
Nach Kanister-Schleppen und Markieren am Vortag stand ich nach einer traumhaften Biwaknacht am Samstag Morgen auf dem Hörndl und erwartete 150 Verrückte um diese mit Wasser, Iso und ein paar motivierenden oder aufmunternden Worten zu versorgen.
Bis vor ein paar Wochen wusste ich weder dass es bei uns in der Umgebung so einen Lauf gibt, noch wusste ich, dass es doch so viele gibt die sich das freiwillig antun würden.
Aber nachdem ich den ganzen Tag merkte, egal wie fertig hier jemand ankam, dass es scheinbar echt Spaß macht, war ich so fasziniert dass ich beschloss irgendwann einmal selbst mit zu machen.
Jetzt galt es also nur noch die physischen Voraussetzungen dafür zu schaffen…

30.07.2016
4 Jahre (als Helfer) später war ich dann der Meinung dass mir das so halbwegs gelungen sei und ich stand um 5 Uhr morgens mit 100 anderen Läufern an der Startlinie im Waldstadion Ruhpolding.
In unglaublich angenehmer Atmosphäre geht der Start von dannen: Keine laute Musik, kein Gedrängel, keine Startkontrollen oder Sonstiges. Organisator Giselher Schneider zählt die letzten 5 Sekunden herunter und verabschiedet uns mit einem „Und los gehts“ auf die Strecke.

Kilometer 1-26 Rund um den Rauschberg
Auf den ersten Kilometern besteht die Kunst darin sein Tempo zu finden. Ich schau immer mal wieder auf die Uhr um nicht völlig zu überpacen. Irgendwann pendel ich mich bei ca 5:45 ein, was sich ganz ok anfühlt.
Wenn die Anfangsnervosität von einem abfällt und man ins Rennen gefunden hat, kann man diese erste Runde richtig genießen. Die gerade aufgehende Sonne, die Blicke auf Rauschberg, Kienberg und das im Morgendunst liegende Inzell sind einfach traumhaft!

Im Vorhinein überlegte ich ständig was wohl die richtige Taktik sei um so ein Rennen anzugehen. Bisher bin ich schließlich noch nie ein Rennen gelaufen das über die Halbmarathon-Distanz hinaus ging.
Ich beschloss schließlich auf den ersten, fast durchgängig laufbaren, 26 Kilometern nicht zu sehr zu trödeln und so lang es sich noch locker anfühlt mich nicht zu sehr künstlich zu bremsen.
Das funktionierte alles in allem so recht gut und bei ca 15 Kilometern fand ich mit Ramin einen Laufpartner mit dem ich mich ganz nett unterhielt und die nächsten 65 Kilometer gemeinsam verbringen sollte.
Nach 2:43 h kamen wir schließlich gemeinsam wieder ins Waldstadion. Mit Applaus von vielen Helfern, vom Veranstalter Gi selbst und vielen Läufer-Angehörigen wird man hier herzlichst in Empfang genommen.
Bin ich bis jetzt nur mit einer 0,5 Liter Softflask in der Hand gelaufen, nehme ich im Stadion meinen Laufrucksack mit 2 Getränkeflaschen auf, soll ja heute noch warm werden…

Kilometer 26-42 Waldstadion – Unternberg – Hörndl – Röthelmoos
Jetzt wird es ernst und steil.
Wir laufen vom Waldstadion über Fuchsau und Stockreit nach Weingarten hoch. Wobei ich nach Stockreit bis zur Abzweigung bei der Bergwachthütte kaum noch was laufen kann. Trotzdem geben wir gut Gas und oben angekommen ist mir erstmal kotzübel. Ich trink ein bisschen was und bin bemüht alles bei mir zu behalten. Aber es hilft ja nix und irgendwie geht es dann doch mit weiterlaufen.
Weiter gehts auf super schönen, teils recht batzigen Trails hinüber zur Brander Alm. Nachdem sich der Magen wieder etwas beruhigt hat, kann ich dieses Teilstück sogar halbwegs genießen. An der Brander Alm angekommen füllen wir kurz unsere Flaschen auf, jetzt wirds zach: 500 steile Höhenmeter hinauf zur Hörndlwand.
Aber ich bin recht motiviert, warten doch meine Freundin, meine Eltern und Freunde, teils als Helfer, teils als Zuschauer, auf mich. Wir geben Gas und erreichen in nur 38 Minuten die Versorgungsstation Hörndlwand. Ich werde herzlich empfangen, das tut gut, auch wenn mir eigentlich schon wieder richtig schlecht ist. Mehr als 2 Becher dünne Iso-Mischung gehen nicht rein.


Einen kurzen Ratsch und ein Bussi von der Freundin später machen wir uns wieder auf den Weg. Uns erwartet einer der wohl gemeinsten Abstieg der ganzen Strecke. Steil batzig und rutschig geht es hinab ins Röthelmoos.
Ich komm recht gut voran werden aber trotzdem von der späteren Damen-Gewinnerin und Gesamt-Sechsten Eva Sperger überholt, die bei diesen Verhältnissen bergab ein Wahnsinns Tempo an den Tag legt, Respekt.
Im Röthelmoos angekommen hab ich meinen ersten Marathon hinter mir, ich freu mich jetzt schon über die Strecke die ich geschafft habe, bin ich doch schließlich noch nie zuvor in meinem Leben so weit gelaufen.
Ich genehmige mir jetzt erst mal 10 Minuten Pause, ratsche mit Freunden und meinen Schwiegereltern, die die Versorgungsstation hier schmeißen. Nach ein, zwei Bechern alkoholfreiem Bier hat auch mein Laufpartner Ramin wieder aufgeschlossen und wir machen uns wieder gemeinsam auf den Weg in Richtung Jochbergalm.

Chiemgauer 100 Ultratrail Trailrunning Chiemgau

Kilometer 42-66 Röthelmoos – Maria Eck
Die nächsten 4 Kilometer Forststraße ziehen sich und wir bringen sie so schnell wie möglich mal laufend, meist gehend, hinter uns. Jetzt geht es links über Wiesen und wunderschönes Almgelände vorbei an der Jochbergalm, hinauf in Richtung Hochsattel. 600 anstrengende, schweißtreibende Höhenmeter später haben wir schließlich den höchsten Punkt dieses Teilabschnittes erreicht. Jetzt geht es bis Kohlstatt nur noch bergab. Aber wie so immer bei diesem Lauf wird einem nichts geschenkt, die Trails bis ins Eschelmoos sind teilweise recht anspruchsvoll.
Ramin, der aus dem eher flachen Teil des Schwabenlandes kommt, hat mit den technischen Wegen zu kämpfen, ich hingegen habe jetzt doch recht unangenehme Knieschmerzen und auch die rechte Achillessehne fühlt sich alles andere als gut an. Hier kommen mir das erste mal ernsthafte Zweifel auf die 100 km zu packen. Aber na ja, Zähne zusammen beißen und durchkämpfen, muss ja weiter gehen. Im Eschelmoos erwartet mich meine Mama die mir mit dem Radl einen Besuch abstattet.
Nach ersten Schwierigkeiten mich mit Brille, Cap, Strümpfen und kaasigem Gesichtsausdruck zu erkennen, ratschen wir kurz und ich laufe jetzt auf Forststraßen weiter in Richtung Kohlstatt.
Die nächsten 4 Kilometer ziehen sich, umso schöner ist der herzliche Empfang in Kohlstatt und die vielen Leute die einen hier klatschend willkommen heißen. Mein Magen hat sich endlich richtig beruhigt und ich kann mich am wirklich reichhaltigen Buffet erfreuen. Ramin hat mittlerweile auch wieder aufgeschlossen und wir werden von der ganzen Kohlstatt-Crew lauthals anfeuernd über die Brücke in Richtung Gleichenberg-Alm verabschiedet.
Auch wenn es jetzt erstmal sausteil und sauheiß wird bin ich doch fast froh dass es bergauf geht, die Knieschmerzen haben sich gerade etwas gelegt und muskulär passt soweit noch alles.
Kurz hinter der Gleichenbergalm geht es fast eben hinüber zur Mittelstation. Hier erwarten mich wieder ein paar Freunde und mein Papa nochmal und feuern uns an. Schon schön wenn man den Wettkampf direkt vor der Haustüre hat und den kleinen Trumpf hat dass man alle Freunde auf der Strecke verteilen kann.

Chiemgauer 100 Ultratrail Trailrunning Chiemgau
Nach laaangen 8 Kilometer hauptsächlich über Forststraßen, vorbei an der Wallfahrtskirche Maria Eck, kommen wir endlich bei Kilometer 66 an der Versorgungsstation an.
Auf den letzten 8 Kilometern die größtenteils bergab gehen, habe ich den Entschluss gefasst auf die 80 Kilometer zu verkürzen. Da ich die Strecke vom Hochfelln-Gipfel bis ins Sadion kenne, weiß ich auch dass ich das mit den Knien heute nicht mehr packe.

Kilometer 66-80 Maria Eck – Waldstadion
In ca 10 Minuten könnte ich jetzt von der Versorgungsstation Maria Eck gemütlich nach Hause spazieren…aber nein, wir laufen weiter in die entgegengesetzte Richtung, hinunter zur Dießelbachstube und weiter in Richtung Ruhpolding.
Dieser Streckenabschnitt ist eigentlich eine meiner Lieblings-Laufstrecken, heute will ich es einfach nur noch hinter mich bringen. Die Beine tun weh und man läuft halt nur noch irgendwie…
Durch Obergschwendt hindurch geht es nochmal die letzten Kilometer für heute zur Verpflegungsstation Egg hinauf. Auch wenn die überaus netten Helfer dort meinen ich schau doch noch gut aus und soll den Felln versuchen, anfühlen tut es sich anders und ich bleibe bei meinem Entschluss zu verkürzen.
Da Ramin etwas Kreislauf-Probleme hat und noch pausieren will mach ich mich alleine auf den Weg in Richtung Stadion.
3 Kilometer vorm Stadion empfängt mich meine Freundin und läuft mit mir noch ein kleines Stück mit, sie meint nur ich sollte in Zukunft immer 80 Kilometer laufen bevor wir zusammen laufen gehen, das Tempo sei sehr angenehm 😉
Die letzten Meter und die halbe Runde im Stadion dreh ich dann alleine und werde von meinen Freunden lauthals in Empfang genommen…noch eine kurze Beglückwünschung von Gi und ich bekomme ein Finisher-Shirt überreicht, geschafft!
Ein komisches Gefühl aus brutal fertig und saugut drauf stellt sich ein. Ich flack mich erst mal in die Wiese und mach mir ein Radler auf…ein ziemlich langer Tag war das.

 

Fazit
Kurzzeitig hab ich während dem Laufen mal überlegt ob ich denn nicht nächstes Jahr einfach wieder als Helfer dabei sein sollte, aber keine 5 Minute nach dem Zieleinlauf war eigentlich schon klar dass ich das mit den 80 Kilometern selbstverständlich nicht auf mir sitzen lassen werde!

Was bleibt sonst noch zu sagen: Ich kannte den Lauf bisher nur aus Sicht eines Helfers und genoss es jedes Jahr aufs neue hier zu helfen. Die besondere Stimmung am Freitag bei der Anmeldung und dem Start der Meilen-Läufer, das familiäre Umfeld und die durchwegs freundlichen und dankbaren Teilnehmer.
Als Läufer empfand ich es dieses Jahr kein bisschen anders. An jeder Versorgungsstation wurde man bestens bedient, herzlich in Empfang genommen, toll versorgt und teilweise phänomenal verabschiedet.

Ein tolles Erlebnis!

Hier gehts zum GPS-Track der 80 Kilometer Variante
Hier gehts zu den Ergebnislisten und zur Veranstalter-Seite

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10 Gedanken zu “Chiemgauer 100 2016

  1. Glückwunsch zum Finish…geil!

    Den Chiemgauer habe ich auch auf meiner Liste. Mal schauen wie es nächstes Jahr mit der Planung hinhaut.
    Mir gefällt der „US-Style“ des Rennens sehr gut.

    Eigenverantwortung wird hier groß geschrieben…so muss das sein.

    Gute Regeneration

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  2. Hi Simon,

    ich habe deinen schönen Bericht über den Chiemgauer100, in unserem Fall 80 gelesen und mich sehr darüber sowie über die Tatsache gerfreut, dass wir ein so langes Stück des Weges gemeinsam absolviert haben. Es war wirklich ein herrlicher und gut organisierter Lauf im schönen Chiemgau. Eine nette, familiäre Atmosphäre, starke Läuferinnen und Läufer bei Sonnenschein und gut gelaunten Helferinnen und Helfern.
    Vielleicht sehen wir uns ja beim nächsten Chiemgauer100 wieder.

    Liebe Grüße, Ramin

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    1. Hi Ramin,
      würd mich auf jeden Fall freuen wenn wir uns nächstes Jahr wieder sehen, die 20 gehen schon noch 😉
      Also bis nächstes Jahr in Ruahpading 🙂
      Liebe Grüße,
      Simon

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  3. Hi Simon,

    Schöner Bericht, bin deinen Link im Trail-Forum gefolgt. Bestärkt mich darin, irgendwann doch selbst mal den Traum Chiemgauer100 anzugehen, hätte es ja auch nicht weit. Ich glaube nach deiner Schilderung, Du hättest die 100 km dieses Jahr schon gepackt, wenn Du nicht 5:45 angegangen wärst, aber so musst Du nächstes wenigstens nicht gleich die 100 Meilen angehen, um einen drauf zu setzen 😉

    Aber von Halbmarathon auf 80km im Chiemgau ist ja auch Steigerung genug.

    Beste Grüße vom Ebersberger Forst
    Sebastian

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    1. Danke dir Sebastian!
      So gesehen hast natürlich recht, da bin ich froh wenn mir die 100 Meilen erspart bleiben 😀
      Hab gerade ein bisschen auf deinem Blog geschmökert, du hast ja erst vor kurzem 100 Kilometer absolviert, Glückwunsch dazu! Da sollten die nächsten 100 Kilometer als Läufer doch nicht so weit weg sein 🙂
      Viele Grüße,
      Simon

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